Reisebericht Dharamsala 2014



Reisebericht Dharamsala 2014


Reisebericht Dharamsala 2014
Kathrin Müllner
November 2014

Die Fotoreportage dazu finden Sie [hier].

Wie schon vor 2 Jahren habe ich mich auch heuer wieder gemeinsam mit Hardy und Andrea auf den langen Weg nach Dharamsala gemacht, um vor Ort verschiedenste Aufgaben für unseren Verein zu erledigen. Wir hatten diverse Fragen zu klären, alte und neue Projekte zu besprechen, Spendengelder zu übergeben, Waren einzukaufen und nicht zuletzt unsere Kontakte zu pflegen.

Doch diesmal beschränkte sich die Reise nicht nur auf Dharamsala und die umliegenden Kinderdörfer. Diesmal wollte ich auch andere Orte sehen um Organisationen kennen zu lernen, die wir zwar schon lange unterstützen, die ich aber noch nie persönlich besucht habe. Und die liegen in der Umgebung des bekannten indischen Ortes Dehra Dun. Eigentlich begann die ganze Arbeit ja schon einige Wochen vor der Abreise. Es musste so vieles vorbereitet und organisiert werden. Die offenen Fragen und alles, was es bei den verschiedensten tibetischen Organisationen zu besprechen gab, musste ich mir aufschreiben und sortieren, damit ich bloß nichts vergesse. Die Patenbriefe mussten gepackt werden, genauso wie die Geschenke, die wir mitbrachten oder andere nützliche Dinge, die wir zusammengesammelt hatten.

Und dann war es soweit, der große Tag der Abreise war gekommen. Mit 6 großen Koffern und Handgepäck ging es ab zum Flughafen. Nach 7 1/2 Stunden Flug erreichten wir Delhi. Nachdem wir im Vorfeld der Reise schon Schwierigkeiten mit unserer Reiseagentur in Indien hatten, war es diesmal nicht möglich mit dem Zug zu reisen. Wir machten uns gleich auf die Suche nach unserem Taxifahrer, um dann für weitere 11 Stunden per Auto unterwegs zu sein. Bei unserer Ankunft in Dharamsala wurden wir auch gleich herzlich von den Sekretärinnen Tenzin Dickyi und Tsering Choedon mit einer Tasse Tee begrüßt. Die Wiedersehensfreude war groß und wir hatten uns vieles zu erzählen.

Trotz unserer Müdigkeit spazierten wir noch nach McLeod Ganj um Geld zu wechseln. Die Veränderungen des Ortes waren auffällig. Die Straßen waren in diesem Jahr in besonders schlechtem Zustand und nicht nur deshalb wurde an allen Ecken und Enden gebaut. Die Hauptstraße in McLeod Ganj wird derzeit sogar gepflastert. Die zweite große Veränderung der letzten Jahre war die steigende Zahl an indischen Touristen, die mittlerweile nie da gewesene Ausmaße annimmt. Das mussten wir später während unserer Reise selbst erleben. Denn an den Wochenenden gab es nun "Megastaus" im ganzen Ort und an ein Weiterkommen auf den Straßen war nicht zu denken.

Gleich zu Beginn unseres Dharamsala-Aufenthalts begannen wir mit unseren Einkäufen, die sich diesmal als recht schwierig herausstellten. Viele der Waren, die wir für unsere Märkte brauchen, waren vergriffen oder es wurde gar die Produktion eingestellt. Daher versuchten wir neue Produkte für unser Sortiment zu finden, die wir Ihnen künftig anbieten können.

Neben den Einkäufen hatten wir natürlich auch wieder jede Menge Termine bei den verschiedensten tibetischen Organisationen. Wir hatten vieles über bestehende Patenschaften und Spendenprojekte, über abgeschlossene und zukünftige Aktionen zu besprechen, Spendengelder und -güter waren zu übergeben.

Einer der Besuche, die mir am besten in Erinnerung geblieben sind, war beim Behindertenheim Nyingtobling. Das alte Gebäude, das ich gut kannte und das zu den Anfangszeiten des Heimes von Save Tibet mitfinanziert wurde, war verschwunden. Der Abriss war wegen eines massiven Wasserschadens notwendig geworden. Es wurde dafür an einer anderen Stelle des Geländes ein neues Gebäude errichtet. Außerdem besichtigten wir die Solaranlage für Warmwasser in der Küche und den neuen Brunnen. Beides hatten wir während unseres letzten Besuches finanziert und nun konnten wir die Umsetzung mit eigenen Augen sehen. Nachdem damals alles so gut geklappt hatte, wird Save Tibet eine weitere Solaranlage spenden. Diese soll für ein Duschhäuschen sein, damit die behinderten Kinder in Zukunft warm duschen können.

Ein anderer Termin, an den ich mich gerne erinnere, ist jener beim Projekt "Stitches of Tibet". Hier wird uns jedes Mal aufs Neue veranschaulicht, wie wichtig und sinnvoll es ist, den Menschen eine Perspektive für ihre Zukunft zu geben. Bei diesem Projekt werden junge Frauen in einem 18-monatigen Kurs zu Schneiderinnen ausgebildet. Sie bekommen Englisch- und Gesundheitsunterricht und außerdem am Ende der Ausbildung eine eigene Nähmaschine, damit sie sich selbständig machen und für ihren Unterhalt sorgen können. Am Tag unseres Besuches konnten wir am 1. Kurstag der Frauen teilhaben. So hatten wir die einmalige Gelegenheit, die Frauen, für die wir jetzt PatInnen suchen, persönlich zu treffen und über ihre Lebensumstände zu erfahren. Die schönste Geschichte war die der Lehrerin. Sie hat vor einigen Jahren selbst an einem dieser Kurse als Schülerin teilgenommen. Mittlerweile ist sie so gefestigt, dass sie ihr Wissen und Können an andere Frauen weitergeben kann. Dies zeigt uns, neben der Erfolgsgeschichte aus 2012, wie wertvoll diese Art der Unterstützung für die Menschen ist.

Nachdem dem Dalai Lama in der Zeit unseres Aufenthalts das Visum für Südafrika verweigert wurde und er deshalb nicht am dortigen Treffen der Friedensnobelpreisträger teilnehmen konnte, waren kurzerhand zwei Friedensnobelpreisträgerinnen - Jodie Williams und Shirin Ebadi - nach Dharamsala gereist, um sich solidarisch mit Seiner Heiligkeit zu zeigen. Wir hatten die besondere Ehre, an einer Veranstaltung mit den drei NobelpreisträgerInnen im Kinderdorf teilzunehmen und waren danach im Kreise der Ehrengäste und der tibetischen Minister zu Tee eingeladen. Auch die Außenministerin der tibetischen Exilregierung, Kalon Dickyi Chhoeyang war anwesend. Von ihr waren wir ein paar Tage später zu einem offiziellen Treffen geladen. Es ist für mich immer wieder erstaunlich und erfreulich, wie offen und herzlich tibetische PolitikerInnen sind. Nicht nur PolitikerInnen - von der Sekretärin bis hin zu den ranghöchsten Vertretern werden wir mit offenen Armen und einer unglaublichen Herzlichkeit empfangen.

Wie bereits erwähnt, wollte ich in diesem Jahr nicht nur Dharamsala und die umliegenden Orte besuchen. Ich hatte mir auch Selakui und Mussoorie zum Ziel gemacht, um dort neue Organisationen zu sehen. Dieses Vorhaben hatte allerdings unsere Zeit in Dharamsala beschränkt, sodass wir weniger Zeit als üblich zur Verfügung hatten. Nach nur 2 1/2 Wochen mussten wir wieder abreisen, um nach 10 Stunden Autofahrt unser erstes Ziel Selakui zu erreichen. Das TCV ( Tibetan Children's Village) betreibt hier zwei sehr interessante Schulen. Zum einen gibt es eine Begabtenschule, in der die besten Schüler aus allen TCV-Schulen aufgenommen werden. Der Lehrplan unterscheidet sich zwar nicht von dem anderer TCV-Schulen, immerhin müssen ja die Lehrinhalte nach indischem Gesetz eingehalten werden. Die Schüler haben allerdings vieles selbst zu erarbeiten und werden dadurch stärker gefordert und gefördert.

Die zweite Einrichtung liegt gleich nebenan. Es ist das Vocational Training Center (VTC), das ebenfalls vom TCV betrieben wird. Es handelt sich dabei um eine Schule zur Lehrlingsausbildung. 11 verschiedene Berufe können hier erlernt werden. Sowohl der schulische als auch der praktische Teil werden hier unterrichtet. Dazu gibt es verschiedene Lehrwerkstätten, wie z.B. für Mechaniker, Elektriker oder Tischler. Aber auch in der Gastronomie, im Kosmetik- und Wellnessbereich werden Ausbildungen angeboten. Die Schüler und Schülerinnen verbringen hier ihre gesamte Lehrzeit. Erst am Ende ihrer Ausbildung müssen sie ein mehrmonatiges Praktikum in einem indischen Betrieb ablegen, um die Ausbildung abzuschließen. Im Anschluss können sie noch ergänzend Vertiefungskurse absolvieren. Die Berufsaussichten nach der Lehre sind gut. Nach ihrem Abschluss werden sie bei der Jobsuche unterstützt. Viele Absolventen arbeiten sogar in führenden Positionen bei namhaften Unternehmen. Am meisten beeindruckte mich, wie sehr die Lehrlinge zur Eigeninitiative und Verantwortung motiviert werden und damit gezeigt wird, dass ihnen etwas zugetraut wird. So haben die Mechaniker beispielsweise ein Schrottauto bekommen, das sie in ihrer Freizeit nach eigenen Vorstellungen zu einem fahrtüchtigen Fahrzeug umbauen durften. Das Ergebnis war ein voller Erfolg! Die Elektriker haben bereits mehrere Solaranlagen in anderen Kinderdörfern aufgebaut und gewartet. Das gibt ihnen praktische Erfahrung und spart Kosten.

Nachdem wir die Schulen in Selakui erkundet hatten, wollten wir auch die Umgebung kennenlernen. Selakui liegt neben Dehra Dun, jenem Ort, von dem aus Heinrich Harrer und Peter Aufschnaiter aus dem britischen Internierungslager nach Tibet geflohen waren. Er liegt etwa 200 km nordöstlich von Delhi und ca. 270 km südöstlich von Dharamsala entfernt in der Ebene, das Klima ist daher relativ warm. In der Gegend gibt es mehrere tibetische Settlements. Man kann sich diese als tibetische Dörfer in einer rein indischen Umgebung vorstellen. Es sind Areale, die den tibetischen Flüchtlingen von der indischen Regierung zur Verfügung gestellt wurden, um sich dort niederzulassen. In manchen dieser Settlements gibt es buddhistische Tempel, in einer sogar eine bekannte tibetische Bibliothek. Wir nutzten die Gelegenheit und besichtigten zwei der Settlements. Dabei wurden wir auch auf eine Behindertenschule aufmerksam - die Ngoenga school. Bei einem Besuch konnten wir sehen, mit wie viel Liebe die teils schwer behinderten Kinder betreut und unterrichtet werden. Wir konnten hier Spendengeld für dringend in der Physiotherapie benötigte Geräte übergeben. Die Freude des Direktors darüber war groß.

Unser weiterer Weg führte uns zur Tibetan Homes Foundation, einer Organisation, die ebenso aufgebaut ist wie die TCV's. Die Homes Foundation mit Hauptsitz in Mussoorie betreibt weitere Schulen in Rajpur und Rishikesh. Das relativ kleine Kinderdorf in Rajpur konnten wir besichtigen, ehe wir in Richtung Berge nach Mussoorie aufbrachen. Mussoorie ist eine sehr bekannte britische Hillstation, die weitgehend touristisch erschlossen ist. Auch hier wurden wir sehr freundlich begrüßt. Trotz der knappen Zeit konnten wir einen Rundgang durch das Kinderdorf und im Ort machen. Hier werden neben der regulären Schule noch 3 Richtungen für die Lehrlingsausbildung, die Schneiderei und die Malerei (traditionelle und moderne) angeboten. Am nächsten Tag konnten wir an der morgendlichen Versammlung der Schüler teilnehmen und uns noch etwas umsehen, bevor wir nach Delhi zum Flughafen aufbrechen mussten.

Zuhause angekommen reflektiere ich nun diese Reise. Sie war sehr arbeitsintensiv und trotzdem auch sehr schön. Es gibt so viele nette Begegnungen, so viel Freude und so viel Sinnhaftigkeit in unserer Arbeit. Das schönste Erlebnis dieses Indien-Aufenthalts werde ich wohl für immer in meinem Herzen tragen. Wir sind mit unserem SAVE TIBET-Film im Gepäck gereist und haben ihn an vielen Stellen als Geschenk überreicht - natürlich in englischer Übersetzung. Viele von Ihnen haben den Film vielleicht schon bei der Premiere anlässlich unseres 20-jährigen Jubiläums gesehen. Nun wollten wir, dass auch unsere tibetischen Partner und die Kinderdorfkinder unsere Arbeit besser kennenlernen. Im Vocational Training Center Selakui und auch im Kinderdorf Dharamsala hatten wir die Möglichkeit, gemeinsam mit der Kinderdorfleitung, dem Personal und den älteren Kindern den Film zu sehen. Alle waren mit großer Freude, Spaß, aber auch Ehrfurcht und Dankbarkeit dabei. Die Reaktionen waren unbeschreiblich schön! Wir waren alle zu Tränen gerührt. Am Ende der Veranstaltung fasste ein Mädchen im Namen aller Kinder ihre Gefühle in Worte und bedankte sich bei uns, bevor sie schluchzend von der Bühne ging.

Dieser Dank gilt nicht nur mir. Er gilt allen, die sich für Tibet und seine Menschen einsetzen, sich mit ihnen verbunden fühlen, allen, die etwas für Tibet tun.

Danke! Danke im Namen aller tibetischen Kinder für die Unterstützung ihres Volkes.

 
© Save Tibet 2014