Was Kinder schreiben und Paten hören (wollen)



Es geht mir gut


Gedanken von Brigitte Wagner

In letzter Zeit werden wir fallweise gefragt, warum die Briefe der Kinder so stereotyp sind, so wenig persönlich klingen.

Ich darf Sie daher zu einem kleinen Gedankenexperiment einladen: Sie sind ein Kind, Sie sind in einem fremden Land und Sie werden von einer Ihnen völlig unbekannten Person unterstützt.

Es geht mir gut …

Was würden Sie dieser fremden Person schreiben? Vermutlich das, von dem Sie wollen, dass es ihm – oder ihr – Freude macht. Nur, so genau wissen Sie nicht, was denn das ist. Sie kennen das Land nicht, in dem dieser Fremde lebt, seine Kultur nicht, seine Wünsche, seine Vorstellungen. Aber Sie sind sich sicher: Sie wollen dieser unbekannten Person zeigen, wie dankbar Sie sind und Sie wollen natürlich auf keinen Fall – auf gar keinen Fall und unter keinen Umständen - zur Belastung für diese Person werden. Also? Da ist zunächst mal die Schule. Jede Mutter, jeder Vater, Onkel, Tante hört gerne, dass das Kind gut lernt. Das zu betonen ist wichtig, schließlich bezahlt der Pate ja auch für die Schulausbildung. Dann soll sich der Pate natürlich keine Sorgen machen – also: Es geht mir gut, ich lerne brav, mach dir keine Sorgen.

… ich lerne brav.

Und sonst? Kehren wir vom Gedankenexperiment zur Wirklichkeit zurück. Sonst gibt es nicht viel was die Kinder schreiben können. Wer um 6.00 Uhr früh aufsteht, betet, lernt, frühstückt, lernt, isst, lernt und um spätestens 10.00 Uhr ins Bett geht, hat wenig Themen, über die er schreiben kann. Auch die Sonntage dienen oftmals dem Lernen, Freizeit gibt es wenig.

Ein Hobby in unserem Sinn haben die meisten Kinder nicht; es fehlt an Zeit und auch an Möglichkeiten. Was die Kinder natürlich beschäftigt ist die Sorge um die Familie und bei den größeren Kindern die Lage Tibets – aber auch das sind Dinge, die man wildfremden Personen so nicht schreiben wird. Man will die Paten einfach nicht belasten. Der Alltag, der uns Paten so brennend interessiert, ist für die Kinder viel zu wenig wichtig, um ihn zu beschreiben.

Und ein Thema gibt es, über das die meisten Kinder wohl am allerwenigsten schreiben und reden wollen: ihre Flucht. Wir haben uns immer gescheut, unsere Kinder danach zu fragen, obwohl wir sie mittlerweile vier Mal besucht haben. Wir wollten den Kindern den Schmerz ersparen. Aber auch wenn Kinder erzählen, ist es meist ein „Es war sehr kalt“ – oder „Ich kann mich nicht erinnern“ – typische Verdrängungsmechanismen von traumatisierten Kindern.

„Es geht mir gut, ich lerne brav.“ Übersetzt heißt das: Ich bin selbstsicherer geworden, weil ich einen Paten habe. Ich bin nicht mehr so traurig, weil ich das Gefühl habe, jemand kümmert sich um mich. Ich bin motiviert zu lernen, weil ich englische Briefe lesen und schreiben will. Ich bin glücklich, weil ich einen Paten habe.

Das ist doch eine ganze Menge Inhalt, auch wenn es sich hinter scheinbar stereotypen Phrasen verbirgt …

PS:
Wenn Sie schon eine zeitlang auf Beantwortung Ihres Emails warten, dann schicken Sie es lieber noch einmal, oder fragen Sie auch per Email nach, ob Ihr Brief angekommen ist. Der Postverkehr mit Indien ist manchmal nicht sehr verlässlich, sehr oft kommen Briefe mit Beilagen nicht an (Fotos, Postkarten, Geld!). Und im Internetverkehr macht die unregelmäßige Stromversorgung oft Probleme. Daher bitte – nicht ungeduldig werden, sondern Email wiederholen, Ihr Schreiben kann eventuell gar nicht angekommen sein!

 
© Save Tibet 2013